Sudetendeutsches Treffen in Brünn spaltet Tschechien
Wichtige Fakten
- • Sudetendeutsche Landsmannschaft trifft sich erstmals in Tschechien.
- • Innenminister Dobrindt und Ministerpräsident Söder werden erwartet.
- • Parlamentspräsident Okamura fordert Absage des Treffens.
- • Vertriebene verzichteten 2015 auf 'Rückgewinnung der Heimat'.
- • Bis 350.000 Menschen starben während der NS-Besatzung.
Historisches Treffen in Brünn
Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist auf Einladung des Festivals "Meeting Brno" erstmals in Tschechien zusammengekommen, fast 81 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Das als Versöhnungsgeste gedachte Treffen findet in Brünn statt, dem Ausgangspunkt eines der tödlichsten Vertreibungsmärsche nach 1945. Aus Deutschland werden Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erwartet, viele Vertriebene fanden in Bayern eine neue Heimat.
Proteste und politische Gegenwehr
Mehrere hundert Menschen protestierten in den vergangenen Wochen gegen das Treffen, organisiert von außerparlamentarischen Kommunisten und der rechten Regierungspartei von Parlamentspräsident Tomio Okamura. Dieser bezeichnete die Vertriebenen als "Nazi-Nachfahren" und forderte Reparationen. Auch Ex-Präsident Milos Zeman nannte die Sudetendeutschen "Hitlers fünfte Kolonne" und warnte vor neuen Eigentumsansprüchen. Im Parlament setzte Okamura eine Resolution durch, die das Treffen verurteilt und eine Absage fordert.
Zwiespältige Regierungshaltung
Regierungschef Andrej Babis änderte mehrfach seine Meinung: anfangs hielt er das Treffen für eine private Initiative, später kritisierte er es als Fehler, ohne die Resolution im Detail zu kennen. Oppositionsführer Martin Kupka warf Okamura vor, Brücken einzureißen. Die Politikbeobachterin Lucie Stuchlikova sieht in der Debatte vor allem Wahlkampf: Okamura suche nach Feindbildern, da Migranten und Roma als Themen weniger taugten. Präsident Petr Pavel übernahm die Schirmherrschaft des Festivals, das die Sudetendeutschen eingeladen hat, während Regierungsvertreter dem Treffen fernbleiben.
Geschichte und Versöhnung
Während der NS-Zeit starben in der Tschechoslowakei bis zu 350.000 Menschen. Rund drei Millionen Deutsche wurden nach 1945 vertrieben, bis zu 30.000 kamen ums Leben. Die Sudetendeutschen verzichteten 2015 auf die Forderung nach "Rückgewinnung der Heimat" und kappten Kontakte zu revanchistischen Gruppen. Die Schriftstellerin Katerina Tuckova, die 2009 eine Aufarbeitungswelle auslöste, kritisierte Politiker, die Ängste schürten: Sie trieben Menschen in einen "Käfig des Hasses", was zu Unruhen führen könne.
Das könnte Sie auch interessieren
Kein Briefing mehr verpassen
Das Wichtigste des Tages jeden Morgen direkt ins Postfach.