Belgischer Ex-Diplomat muss sich wegen Mordes an Kongos erstem Premierminister vor Gericht verantworten
Wichtige Fakten
- • Der 93-jährige ehemalige belgische Diplomat Étienne Davignon muss sich wegen Beteiligung am Mord an Patrice Lumumba 1961 vor Gericht verantworten.
- • Davignon ist der einzige noch lebende Angeklagte unter etwa einem Dutzend Belgiern, die die Familie Lumumbas beschuldigt.
- • Die Anklage umfasst Kriegsverbrechen, unrechtmäßige Freiheitsberaubung und demütigende Behandlung von Lumumba und seinen Gefährten.
- • Die Lumumba-Familie begrüßt die Gerichtsentscheidung als "Beginn einer Abrechnung" mit der kolonialen Vergangenheit.
- • Ein Prozess könnte im Januar 2027 beginnen, falls keine erfolgreiche Berufung eingelegt wird.
Historischer Prozess zu Kolonialverbrechen
Ein belgisches Gericht in Brüssel hat entschieden, dass der 93-jährige ehemalige Diplomat Étienne Davignon sich wegen mutmaßlicher Beteiligung am Mord an Patrice Lumumba, dem ersten Premierminister des unabhängigen Kongo, einem Strafprozess stellen muss. Die Anklage umfasst Kriegsverbrechen, unrechtmäßige Freiheitsberaubung und demütigende Behandlung im Zusammenhang mit der Ermordung Lumumbas und seiner Gefährten Maurice Mpolo und Joseph Okito im Jahr 1961. Davignon, der von 1977 bis 1985 EU-Kommissar war, ist der einzige noch lebende Angeklagte unter etwa einem Dutzend Belgiern, die die Familie Lumumbas vor etwa 15 Jahren beschuldigt hatte.
Symbolfigur afrikanischer Unabhängigkeit
Patrice Lumumba, ein charismatischer Sozialist, wurde 1961 nach seinem Sturz erschossen und gilt vielerorts noch heute als Symbolfigur afrikanischer Unabhängigkeit. Die Morde wurden von Separatisten in der Katanga-Region mit Unterstützung belgischer Söldner durchgeführt. Eine parlamentarische Untersuchung aus dem Jahr 2001 kam zu dem Schluss, dass belgische Minister eine moralische Verantwortung für die Ereignisse trugen, die zu Lumumbas Tod führten. Belgien hat 2022 einen goldgekrönten Zahn, den ein Beteiligter als makabre Erinnerung aufbewahrt hatte, an die Lumumba-Familie zurückgegeben.
Familie und Anwälte begrüßen Entscheidung
Die Lumumba-Familie begrüßte die Gerichtsentscheidung als "Beginn einer Abrechnung, die die Geschichte seit langem fordert". Yema Lumumba, eine Enkelin des ermordeten Führers, betonte, dass die vergangene Zeit nicht bedeute, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommen könne. Anwälte der Familie sehen in dem Fall einen historischen Präzedenzfall für die strafrechtliche Verfolgung von Verbrechen unter europäischer Kolonialherrschaft. Falls keine erfolgreiche Berufung eingelegt wird, könnte der Prozess im Januar 2027 beginnen.
Mögliche Auswirkungen auf Belgien und Europa
Experten weisen darauf hin, dass dieser Fall ungewöhnlich sei, da ein ehemaliger Kolonialstaat bereit ist, koloniale Verbrechen vor seinen eigenen Gerichten zu verhandeln, auch wenn viel Zeit vergangen ist. Der Prozess könnte Belgien dazu zwingen, sich weiter mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen, nachdem das Land bereits seine moralische Verantwortung für Lumumbas Mord anerkannt hat. Dies könnte wegweisend für ähnliche Fälle in anderen europäischen Ländern sein, die mit ihrer kolonialen Geschichte konfrontiert sind.
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